Meerschweinchen Pflege

Meerschweinchen nicht streicheln

Warum Meerschweinchen nicht gestreichelt werden müssen: Sozialverhalten, Distanz, Körpersprache und Zuneigung ohne Zwang.

Denn erschwerend kommt ja auch noch hinzu, dass Streicheln kein Alleinstellungsmerkmal des Menschen ist. Auch in der Tierwelt gibt es Körperkontakt, Ablecken oder gegenseitige Fellpflege. Es scheint also naheliegend zu sein, mit der Hand auch dem Meerschweinchen Zuneigung zeigen zu wollen. Oder? Oder.

Ein Plädoyer:

Meerschweinchen streicheln nicht

Diese häufige oder natürlich wirkende Verhaltensweise ist beim Meerschweinchen in der sozialen Interaktion untereinander praktisch nicht zu beobachten, zumindest konnten wir das zu keinem Zeitpunkt. Meerschweinchen streicheln sich nicht gegenseitig und spenden Zuneigung nicht durch intensiven Körperkontakt. Sie liegen in ihrer Gruppe, sofern diese intakt ist, häufig in Sichtkontakt. Gewöhnlich halten sie aber eine eindeutige Distanz zueinander.

Auch Fellpflege erledigen Meerschweinchen ganz für sich allein. Dafür braucht es keinen Sozialpartner. Am Futternapf ist sogar eher das Gegenteil zu beobachten: Nicht das Wegessen des Futters ist immer das größte Problem, sondern das zu nahe Aufrücken. Purren kann auftreten, wenn ein ranghöheres Tier einem rangniedrigeren zu nahe kommt. Man kommt sich eben so nah wie nötig, nicht so nah wie möglich.

Tritt bei uns in der Gruppe der Fall auf, dass zwei oder mehrere Tiere ungewöhnlich eng beieinander liegen, werten wir das eher als mögliches Warnzeichen: Krankheit, Unsicherheit, Kälte oder Rangstreitigkeiten können dahinterstehen. Man kann sagen: Streicheln, Kuscheln und erzwungene Nähe sind für Meerschweinchen nicht automatisch Zeichen von Wohlgefühl.

Streicheln als Dominanzverhalten durch den Halter

Was die Hand des Menschen und sein Streichelbedürfnis angeht, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: der Rücken als Ort, an dem meist gestreichelt wird. Von oben kommt für Meerschweinchen instinktiv Gefahr. Im Sozialverhalten der Tiere besteigt außerdem ein ranghöheres Tier ein rangniedrigeres auf dem Rücken. Kontakt auf dem Rücken ist also nicht neutral.

Beim Streicheln wählt der Mensch natürlich den Rücken. Zu beobachten ist dann häufig Ausharren, Erstarren, Wegdrücken oder Purren. Das kann vom Menschen leicht als „das Tier hält still und genießt“ missverstanden werden. Aus Sicht des Meerschweinchens kann es aber ebenso eine Mischung aus Unsicherheit, erlerntem Aushalten und fehlender Fluchtmöglichkeit sein.

Uns ist bewusst, dass wir uns auch mit diesem Artikel nicht durchweg Freunde machen. Dennoch möchten wir festhalten: Möchtest Du Deinen Meerschweinchen etwas Gutes tun, dann behandelst Du sie ihren Instinkten und Verhaltensweisen entsprechend. Du verhältst Dich ihnen gegenüber so, wie sie sich auch untereinander in der Gruppe verhalten. Und dort zeigen sich Meerschweinchen sozial, aber mit vornehmer Distanz.

Das heißt: Eine Wertschätzung und Zuneigungsbekundung kann vor allem bedeuten: Ich streichele meine Meerschweinchen nicht.

Konditioniert auf Streicheln ist kein erstrebenswertes Verhalten

Uns ist klar, welche Reaktionen dieser Artikel hervorruft:

Wenn ich ein Meerschweinchen auf dem Schoß habe und streichele, liegt es ganz ruhig und entspannt mit geschlossenen Augen und abgespreizten Beinen und genießt.

Diese und ähnliche Entgegnungen hören wir immer wieder, wenn wir uns mit sozialer Interaktion zwischen Mensch und Meerschweinchen beschäftigen. Dazu passt auch der thematisch ähnliche Artikel Meerschweinchen kuscheln nicht!. Es ist jedoch schwer wegzudiskutieren, dass dieses Verhalten nicht dem ursprünglichen Sozialverhalten der Art entspricht.

Man kann es höchstens als konditioniertes, also erlerntes Verhalten beschreiben. Häufig ist dies nicht einmal eine bewusste Konditionierung. Aber ein Tier, das schon auf dem Arm oder Schoß sitzt, bekommt gerne einmal ein Leckerli. So schafft man sich nach und nach das Tier nach den eigenen Bedürfnissen, und es scheint, als gefiele ihm das Streicheln. Das gibt es, das wissen wir. Es ist aber weder normal noch erstrebenswert und schon gar nicht geeignet, um daraus eine allgemeine Empfehlung zu machen.

Zuneigung ohne Streicheln

Zuneigung zu Meerschweinchen zeigt sich nicht dadurch, dass wir sie möglichst oft anfassen. Sie zeigt sich durch Platz, Artgenossen, gutes Futter, sichere Verstecke, verlässliche Abläufe und durch die Bereitschaft, ihre Grenzen zu respektieren.

Ein Meerschweinchen darf zum Menschen kommen, Futter aus der Hand nehmen, neugierig werden und Vertrauen aufbauen. Aber es muss nicht auf den Schoß, muss nicht gestreichelt werden und muss nicht menschliche Nähe mögen, um ein „zahmes“ oder glückliches Tier zu sein. Genau darin liegt für mich der wichtige Punkt: Ein Meerschweinchen ist kein kleiner Hund, keine Katze und kein Plüschtier. Es ist ein Meerschweinchen. Und das reicht völlig.

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