Meerschweinchen Zubehör

Meerschweinchen Häuschen – der Unterschlupf

Meerschweinchen-Häuschen und Unterschlüpfe: Warum Größe, Rundumsicht, mehrere Ausgänge und sichere Materialien entscheidend sind.

Zugegeben: Auch wir hatten, als wir mit der intensiven Haltung von Meerschweinchen 2003 begonnen haben, der damaligen Literatur entsprechend unser Gehege erst einmal so eingerichtet, dass jedes Meerschweinchen einen eigenen Unterschlupf bekommt. Diese Herangehensweise ist, wie wir durch Beobachtung schnell feststellen konnten, ein weiterer Analogieschluss vom Wesen und den Bedürfnissen des Menschen auf die Verhaltensweise der Meerschweinchen. Tatsächlich schaffte die Lösung erst Probleme, sodass wir sehr schnell umgerüstet und von den Standard-Häuschen aus der Zoohandlung Abstand genommen haben. Unsere Meerschweinchen sollten einen Unterschlupf erhalten, wie es ihrer Natur entspricht, nicht der des Menschen.

Bedürfnisse an ein Häuschen

Meerschweinchen sind bekanntlich sowohl Fluchttiere als auch sehr soziale Rudeltiere. Beobachtet man ihr Verhalten intensiv, wird schnell klar, dass die Lösung einzelner Unterschlüpfe, wie sie als Häuschen aus dem Zoomarkt angeboten werden, zu vielen Problemen führen kann. Für jedes Schwein ein Haus scheint in der Theorie ein guter Ansatz zu sein, in der Praxis scheitert dieses Konzept aber oft an wesentlichen Dingen, die das Zusammenleben von Meerschweinchen überhaupt erst ausmachen.

Droht Gefahr, flüchtet das Meerschweinchen instinktiv in seinen Schutzraum. Gefahr kann übrigens auch schon ein unbekanntes Geräusch aus dem Fernseher, eine knallende Tür oder die Müllabfuhr auf der Straße sein. Die Tiere ziehen sich täglich häufig in ihren Unterschlupf zurück, ohne dass der Mensch irgendeine Gefahr wahrnimmt. Wenn wir in diesem Artikel also von Gefahr sprechen, meinen wir immer Gefahren, die das Tier als solche wahrnimmt. Genau diese Wahrnehmung zählt, nicht die Einschätzung des Menschen.

Im Unterschlupf passieren grob die folgenden Dinge:

  1. Meerschweinchen kontrollieren die Umgebung. In der Natur droht Gefahr vor allem von oben. Deshalb braucht es einen Unterschlupf, der nach oben hin abgesichert ist. Gleichzeitig beobachten Meerschweinchen aus ihrem Schutzraum die Umgebung sehr genau, um einzuschätzen, ob die Gefahr noch vorhanden ist. Gängige Häuschen aus dem Zoohandel verhindern das durch ihre verschlossene Bauweise häufig. Das führt dazu, dass die Tiere unsicher bleiben.
  2. Meerschweinchen flüchten auch im Rudel. Vor allem in Gefahrensituationen ist das soziale Wesen gut zu beobachten. Bietet das Gehege keinen gemeinsamen Schutzraum, weil gar nicht genug Platz vorhanden ist, bleiben rangniedrigere Tiere auf der Strecke. Sie müssen sich ein anderes Versteck suchen. Gerade in einer als Gefahr erkannten Situation ist es zusätzlicher Stress, vom Rudel getrennt zu werden. Niemand möchte „Reise nach Jerusalem“ um das Häuschen spielen, wenn er sich in ernster Lebensgefahr wähnt, und schon gar nicht möchte man das Schwein sein, für das am Ende kein Platz mehr ist.
  3. Meerschweinchen ruhen in Sichtkontakt. Was in der Beziehung zum Menschen gilt, gilt auch untereinander: Meerschweinchen sind keine Kuscheltiere. Sie möchten aber in Sichtkontakt liegen und sich riechen können. Das gilt auch und gerade in Gefahrensituationen. Die Gruppe gibt dem einzelnen Tier Sicherheit, Beruhigung und Entspannung nach einer Stresssituation. Kleine Zoohandlungs-Häuschen verhindern diese Phasen im Rudel meist, weil sie zu wenig Platz bieten.
  4. Im Unterschlupf hat jeder seinen Platz. Meerschweinchen leben in einer Rangordnung miteinander und haben auch im Versteck ihre Plätze. Kleine Häuschen sind deshalb ein häufiger Anlass für Streit unter Meerschweinchen. Liegt ein rangniedrigeres Tier im Häuschen und ein ranghöheres Tier betritt es, müsste das rangniedrigere Tier ausweichen können. Bei einem kleinen Häuschen mit nur einem Eingang geht das oft nicht. Das rangniedrigere Tier muss sich zur Flucht ausgerechnet auf das ranghöhere Tier zubewegen. So wird künstlich eine Rangordnungsstreitigkeit hervorgerufen, die es in einem besseren Unterschlupf gar nicht gäbe.

Anforderungen an den Unterschlupf

Aus diesen Beobachtungen ergeben sich einige zwingende Anforderungen, die ein Häuschen erfüllen sollte, wenn es als geeigneter Unterschlupf gelten will:

  • Ausreichend Platz: Nur wenn das Rudel in Sichtkontakt Platz im Unterschlupf findet, ist es ein wirklich artgerechter Schutzraum. Auch im Unterschlupf sollten sich die Tiere auf Distanz begegnen können. Solche Häuschen machen das benötigte Gehege allerdings nicht kleiner.
  • Gute Rundumsicht: Nur wenn die Tiere die Umgebung beobachten können, können sie ihren Stress wieder abbauen. Türen, Ein- und Ausgänge sollten deshalb nicht in erster Linie schön, sondern groß und übersichtlich sein.
  • Mehrere Ausgänge: Mehrere Ausgänge verhindern Probleme, wenn ein ranghöheres Tier Anspruch auf den Ruheort erhebt. Ein Tier darf nicht in eine Sackgasse geraten.
  • Ungefährliche Materialien: Häuschen sollten nicht chemisch behandelt, lackiert oder mit stark riechenden Klebern verarbeitet sein. Meerschweinchen leben in unmittelbarer Nähe dieser Materialien und knabbern sie oft an. Am besten ist ein naturbelassenes, sauber verarbeitetes Häuschen aus Holz.
 Häuschen für Meerschweinchen werden gerne damit beworben, dass das Nagen an ihnen den Zahnabrieb fördern würde. Das halten wir für irreführend. Der Zahnabrieb entsteht vor allem durch Mahlbewegungen. Dafür ist frisches Raufutter noch immer die beste Wahl. 

Schaut man sich die Bedürfnisse an, wird schnell klar, dass die allermeisten im Handel erhältlichen Häuschen diese Anforderungen nicht erfüllen, schon gar nicht im stationären Einzelhandel. Nicht selten sind sie gar nicht ausdrücklich für Meerschweinchen produziert, werden aber trotzdem so beworben. Meerschweinchen sind große Nagetiere. Weder möchten sie in einen Hamsterkäfig noch in einen Hamster-Unterschlupf.

Geeignete Meerschweinchen-Häuschen

Natürlich ist der Verzicht auf einen Unterschlupf auch keine gute Variante. Geeignet sind vor allem große, offene Unterstände mit mehreren Ausgängen, ausreichend breiten Durchlässen und einer stabilen, von oben schützenden Fläche. Viele Halter nutzen deshalb statt eines klassischen Häuschens eher Weidenbrücken, Unterstände, große Holzbrücken oder selbst gebaute Ebenen.

Wichtig ist immer: Das Tier darf sich nicht einklemmen können, der Eingang darf nicht zur Falle werden und die Gruppe muss sich ausweichen können. Ein einzelnes, kleines Häuschen mit einem engen Eingang wirkt zwar gemütlich, ist für ein Fluchttier aber oft genau das Gegenteil.

Alternativen zum Häuschen

Die Sache mit dem Dach, einer Tür und ein paar Fenstern ist, wie oben besprochen, eine ziemlich menschliche Anforderung. Meerschweinchen brauchen Sichtschutz, Deckung von oben und mehrere Fluchtwege. Das lässt sich oft besser mit Unterständen, Korkröhren, großen Weidenbrücken, Etagen, Tunneln oder naturbelassenen Holzplatten lösen als mit einem kleinen Haus.

Auch bei Alternativen gilt: Sie müssen standfest, gut zu reinigen und ungefährlich verarbeitet sein. Scharfe Kanten, Lacke, giftige Kleber, zu enge Öffnungen und wackelige Konstruktionen gehören nicht ins Gehege.

Hände weg vom Schuhkarton

Man sieht leider immer wieder Haltungen, in denen den Schweinchen mit einem Schuhkarton ein Unterschlupf ermöglicht wird. Das scheint naheliegend, immerhin kann man ihn sehr leicht mit der Schere bearbeiten und sich etwas zurechtbasteln. Dennoch gehört ein Schuhkarton nicht als Unterschlupf ins Gehege. Die Tiere werden ihn über kurz oder lang anknabbern. Die tatsächliche Zusammensetzung, Klebstoffe, Druckfarben und Lackierungen sind für Meerschweinchen nicht sicher einzuschätzen und können schwere Vergiftungen verursachen.

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